Abschiede
Ein letztes Mal bin ich auf der Straße nach Toro unterwegs. Ein letztes Mal werde ich die Versuchsfläche von Marena mitten in einer Kakaoplantag im Herzen Zentralsulawesis besuchen. Es ist ein seltsames Gefühl. Der Regenwald rauscht links und rechts an meinen Ohren vorbei, während ich mich mit dem Motorrad die Serpentinen hinauf zum Pass schraube. Das alles wird auch wenn es mir als das natürlichste auf der Welt erscheint, in einer Woche in die weiteste Ferne gerückt sein. Unvorstellbar, dass ich endlich heimkehre.
Zu viele Gedanken lenken mich ab vom Geschehen. Die Straße fordert meine gesamte Aufmerksamkeit. Noch immer sind die Spuren der Erdrutsche, welche die starken Regenfälle der letzten Monate begleiteten zu sehen. Die Straße ist von dem hinab laufenden Wasser aufgerissen. Wo sich sonst immer ein dünner Rinnsaal seinen Weg über den Asphalt sucht, ist heute ein Bachbett. Aber solange man hier nicht auf die Idee kommt ein Wasserableitsystem zu graben, stopft man mit stoischer Gelassenheit immer wieder neue Steine in die Schlaglöcher. Das ist aber keine indonesische Besonderheit, dieses Verhalten lässt sich auch bei den Straßenreparaturen in manchen deutschen Gemeinden beobachten. Hier ist es halt ein wenig drastischer. Die Straße ist durch, die Erdrutsche halb weg gebrochen und wird um weiter fahren zu können tiefer in den Hang eingegraben. Asphalt findet man hier schon lange nicht mehr. Man ist froh, wenn man überhaupt irgendeinen Grund in der dickflüssigen braunen Schlammmasse findet, welche den Straßenverlauf markiert.
Sobald ich den Pass erreicht habe, wird die Luft erheblich besser. Es ist frische Bergregenwaldluft. Immer wieder ein Genuss. Wenn ich genauer darüber nachdenke, muss ein Jahr in einer indonesischen Großstadt zu leben in etwa so gesundheitschädlich sein wie 5 Jahre zu rauchen. Den meisten Indonesiern ist das egal, sie machen beides.
Kaum bin ich zusammen mit meinem Assistenten Arul in Toro angekommen und steige gerade die Treppe zur Terrasse empor, fragt mich Rajab, der Toro-STORMA-Koch: „Mau minum Kopi?“ (Willst du einen Kaffee trinken?) Natürlich bejahe ich und natürlich bekomme ich, noch bevor ich es aussprechen kann einen großen Kaffeepot auf die Terrasse gestellt.
Es sind jede Menge indonesische Assistenten da und es bildet sich schnell eine nette Gesprächsrunde. Ich schnappe mir Man und bestelle bei ihm einen Kanister Sanguer (Palmwein ähnlich Federweißer) für den Abend. Bei Rajab bestelle ich mein Lieblingschili aus Manado. Es ist mit frischen Tomaten, süßen roten Zwiebelchen, Limette und natürlich Chili und schmeckt richtig zubereitet einfach herrlich.
Aber noch ist es nicht Abend. Arul ist eben so ein begeisterter Bergsteiger wie ich und so habe ich ihm versprochen, wir wandern noch etwas. So laufen wir ins Ponotal und folgen dort dem Ponofluss bergauf. Auf dem Weg begegnen uns ein paar seltenere Tiere, wie beispielsweise ein wandelndes Blatt. Arul hat noch nie eines in seinem Leben gesehen und hört interessiert meinem spontanem Vortrag über diese Tiergruppe. Insgesamt ist er sehr an der Natur interessiert. Ich erkläre ihm gerne alles was ich weiß, aber insgeheim bin ich wieder einmal über den hiesigen Baccalorabschluss entsetzt. Arul hat einen in Agrawissenschaften. Wir sehen schöne Landschaften und ich bin froh, dass ich einen Kompass dabei habe, denn hier oben war ich noch nie und es wird schnell dunkel im Regenwald. Wir kehren erst um als der Fluss als einzig verbleibender Weg so tief ist, dass er uns bis zur Hüfte reicht.
Wieder in Toro angekommen freue ich mich auf den ersten heißen Kaffee. Nicht dass mir kalt wäre. Der Rückweg war ebenso heiß und anstrengend wie der Hinweg. Da ändert so ein bisschen Bachwasser nichts.
Dann bemerke ich, dass Opa mein Motorrad repariert hat. Opa heißt eigentlich Ronald und ist als Ersatztechniker für den erkrankten Thomas eingestellt worden. Da er indonesischer wie auch niederländischer Herkunft ist, spricht Ronald fließend Indonesisch, Englisch, Deutsch und was weiß ich noch alles. Das tut aber nichts zur Sache. Er ist 4 Jahre älter als mein Mitbewohner Heiner und hat ihm damit den Senjorenrang abgelaufen. Dies äußerte sich darin dass die indonesischen Assistenten anfinge Ronald Opa zu nennen. Er ärgerte sich anfangs furchtbar darüber, da aber die Anrede durch und durch respektvoll ist, hat er sich inzwischen daran gewöhnt. Er hat ja auch schon weiße Haar, einen weißen Bart und wie er selber zugegeben hat, auch schon eine Enkelin. Nun kommt er nicht mehr drum herum. Er ist halt unser aller Opa. Er hat noch eine weitere äußerst liebenswerte Eigenschaft. Den Helferkomplex. Opa ist einfach ein guter Mensch. Er erkennt wenn jemand ein Problem hat und löst es, ob man ihn fragt oder nicht. Fragt man ihn, so sagt er nie nein.
Ich hatte ihn gefragt ob er nach meinem Motorrad sehen könnte und er hat es gleich repariert.
Nach einer viel zu kurzen Nacht, in Toro haben immer die Hähne das letzte Wort, nahmen Arul und ich in Marena die letzten Daten. Wir sammelten Kakaoblätter von bestimmten vorher ausgewählten Bäumen ein. Da es sich bei diesen Bäumen um die Untersuchungsbäume meines Kollegen Micha handelt, half mir dabei Michas Assistent Masrih. Er überwacht für seinen Boss weiterhin die Saftflussmessungen und da ich Blätter abgenommen habe war er mir um den Baum so wenig wie möglich zu verletzen behilflich. Masrih ist ein witziger Kerl. Es gibt eine Menge tolle Geschichten über ihn zu erzählen, bis hin zu der Hochzeit, welche Micha für seinen Assistenten arrangierte. Aber das sind Michas Geschichten, soll er sie erzählen. Mich begeisterte Masrih immer wieder mit seinem Fremdwortschatz, wie beispielsweise Nachbar oder Listerklemme.
Nach der Probennahme fuhren wir direkt zur Bearbeitung ins Labor. Also wieder 3 Stunden auf dem Motorrad durch den Regenwald. Da bleibt genug Zeit um das ein oder andere Foto zu machen oder in einem kleinen Warung zu halten und das hiesige Nationalgericht Kaledo zu essen. Köstlich. Danach verabschiedete mich der Regenwald auf seine ganz eigene typische Art und Weise. Regenwal hat Regen halt.
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