Donnerstag, 7. Juni 2007

Die Abenteuer der Endophytenspore Manfred

Es war einmal eine kleine Pilzspore Namens Manfred. Wir wissen heute natürlich, dass dies gar nicht wahr ist, aber Geschichten müssen nun einmal so anfangen. Also heißt die Pilzspore Manfred. Manfred lebte glücklich in dem Blatt eines Kakaobaumes. Das es wirklich ein Kakaobaum war, wusste er natürlich nicht, aber da Kakao gut schmeckt stellte er sich einfach vor es sei ein Kakaobaum. Sein ganzes Leben hatte er in diesem Blatt gelebt und er war glücklich gewesen. Denn alle seine Freunde lebten hier. Und so unterschiedlich die auch waren sie waren alles kleine Pilze. Da hält man zusammen. Manchmal wenn sie zusammen aus der Pilzschule kamen, wo man das richtige Wachsen und Sporulieren lernt, wurden die Bakterien der Nachbarklasse aufmüpfig. Sie wuchsen schneller als die Pilze und dachten sie könnten sich alles erlauben nur weil sie größer waren. Aber da hatten sie sich geschnitten. Die ganzen keinen Pilzsporen hielten zusammen und konnten sich immer gegen die Bakterien erwehren.
So lebte Manfred glücklich und zufrieden.
Doch manchmal, wenn ihm langweilig war ging er bis zum Rande des Blattes, was ihm die Mutterspore verboten hatte. Dort unterhielt er sich dann mit den Blattpilzen die außen auf dem Blatt lebten. Ihre Sprach ähnelte Manfreds Sprache im Entferntesten, so dass er sie nur mit Mühe verstehen konnte. Aber Manfred liebte ihre seltsamen Geschichten. Sie sprachen von Nahrungsbergen, von riesigen Myzelen und vielen anderen seltsamen Dingen wie Wind die Manfred nicht kannte. Schließlich lebte er im Inneren eines Blattes. Und in ihm erwuchs die Sehnsucht nach dem Unbekannten, heute würde man es einfach Fernweh nennen, aber das wusste Manfred noch nicht, auch wenn er darunter litt. Er wollte hinaus in die Welt schauen und all das sehen wovon die Außenblättler sprachen. Als er es ihnen sagte lachten sie nur. „Wie willst du mitkommen Manfred? Du sitzt doch im inneren eines Blattes und siehst die Welt nur wie durch Papier hindurch.“ Der Außenpilz wusste natürlich nicht was Papier war, aber er hatte es von einem Sperling aufgeschnappt und bildete sich gehörig was auf sein neues Wissen ein.
Da wurde Manfred traurig und lief weinend zu seiner Mutterspore. In ihren flauschig weichen Armen weinte er sich aus. Da seufzte die Mutterspore, sie hatte es vor raus gesehen als sie Manfred verbot sich dem Blattrand zu nähern. Sie versuchte ihn zu trösten und erzählte, dass sie auch, noch als kleine Spore, draußen umhergeirrt ist und nicht wusste wo sie hinsollte. Überall war die Welt hart und unfreundlich. Sie war so glücklich gewesen als sie damals ein junges weiches Blatt fand, in dessen inneren es sich angenehm und leicht leben ließe. Manfred sollte nicht traurig sein, es würde die Zeit komme da auch er sich ein neues zu Hause suchen dürfte. Dann habe er genügend Zeit sich draußen umzuschauen. Mit traurigen Augen drückte sie ihn etwas fester an sich heran.

Langsam wurde das Blatt in dem sie lebten älter und wandelte langsam seine Farbe und Manfred sah die Welt wie er sie noch nie gesehen hatte. Plätze die er bisher zu kennen glaubte erschienen neu in gelben und roten Licht. „Es ist der Vorbote zu einer großen Reise!“ sagte seine Mutterspore und sie sollte Recht behalten.
Das Blatt löste sich eins Morgens kurz nach 8 Uhr leise vom Zweig und glitt wie einem Segelschiff gleich hinab ins Laub. Manfred wartete gespannt, Stund um Stund doch nichts geschah.
Dort lag nun Manfred Heimatblatt traurig auf dem Boden und seine Ränder wellten sich. Langsam färbte es sich immer brauner. Es starb. Doch im innern des Blattes merkte man nichts von einer düsteren Stimmung. Die Pilze feierten ein Fest. Alles war anwesend und alles tanzte. Das bunte Licht, welches durch die Blattwände hinein schien gab dem ganzen die passende Beleuchtung. Es war das Fest der Jungsporen wie Manfred. Endlich überschritten sie die Grenze zum Erwachsenwerden. Und alle hatten sie mehr als lange darauf gewartet. Es war der Schritt in die Selbständigkeit, darüber freute sich Manfred so sehr, dass er gar nicht bemerkte, wie seine Mutterspore schwermütig wurde. Denn für sie war es auch ein Abschiedfest. Insgeheim wusste sie, sie würde das Blatt nicht mehr verlassen.
Langsam näherte sich die Feierstimmung dem Höhepunkt und alle wussten, jetzt wurde es Zeit für den großen Sprung, bei dem die frischgebackenen Erwachsenensporen ganz hoch geworfen wurden so dass sie an die Blattdecke stießen. Manfred hatte sich derweilen so amüsiert, dass er ganz vergaß sich von seiner Mutterspore zu verabschieden. Er wusste auch gar nicht, dass es ein Abschied war. Aber sie wusste es und sah ihm traurig aber doch auch glücklich hinterher. Er war schon mitten in dem großen Sprung als sein Blick auf seine Mutterspore fiel und er sah wie ihr Gesicht ein wenig feucht wurde. Aber es war Zeit zu gehen und er wusste es. Er lachte sie aufmunternd an und winkte ihr zum Abschied zu. Dann traf er auf die mittlerweile rissig gewordene Blattdecke und durchdrang sie.

Die Welt draußen war ganz anders als er sie sich vorgestellt hatte. Sie war so riesig. Wenn er heimlich durch die Spaltöffnungen gelinst hatte, hatte er sich immer vorgestellt wie hinter dem was er sah wieder eine große Wand kommt. Doch sie kam nicht. Der Wind der sonst sein Heimatblatt so sanft umsäuselt hatte, insgeheim glaubte man in seinem Blatt er habe eine Affäre mit diesem, hob ihn nun auf und trug ihn hoch in die Baumkronen zurück. Manfred jauchzte vor Glück. Er hatte noch nie in seinem Leben eine Achterbahnfahrt gemacht, aber so ungefähr stellte er sich das vor. Nach links, dann scharf nach rechts, Vorsicht Kopf einziehen, ein Blatt! Und dann knapp über den nächsten Zweig hüpfen. Fast hätte er vor lauter Verzückung nicht aufgepasst und wäre im Auge eines Vogels gelandet. Doch glücklicherweise schoss eine vor dem Vogel fliehende Fliege vorbei und er konnte sich gerade so auf deren Rücken festhalten. Und die Achterbahnfahrt ging weiter auf dem Rücken der Fliege verließ er den Wald und Manfred fühlte sich wie der heldenhafteste Fliegenreiter von dem die Welt je gehört hatte.
Aber bald erhielt sein Glücksgefühl einen erheblichen Dämpfer. Denn die Fliege ließ sich vor Erschöpfung schnaufen auf einem großen feuchten braunen Haufen nieder. Nicht das Manfred eine empfindliche Nase hatte, so etwas liegt einer Pilzspore fern. Aber es kamen neue Sporen und vor allem jede Menge Bakterien der schlimmsten Sorte an Bord. Als diese sahen wie sehr er sich vor ihnen pikierte, machten sie sich einen Spaß daraus ihm auf die Pelle zu rücken und ihn zu pisaken. Zwei lange Stunden ertrug er sie tapfer, dann als die Fliege wieder in der Luft war entschloss er sich sein Glück lieber zu Fuß zu suchen, als in dieser Gesellschaft zu fliegen. Er fasste sich ein Herz und sprang einfach ab.
Er erwachte weiß gebettet in wunderbare Düfte. „Ist das der Sporenhimmel?“ fragte er sich. Zumindest kam es ihm so vor. Aber als er sich genauer umsah, stellt er fest, dass er auf einer weißen Kaffeeblüte gelandet war. Und er war nicht allein. Je länger er sich umsah, umso mehr wunderschöne Sporenmädchen fielen ihm auf, die ihn still und leise beobachteten. Als sie sahen, dass er sich bewegte, steckten sie ihre Köpfe zusammen und fingen an zu tuscheln und zu kichern. „Hey, was ist so witzig? Habt ihr noch nie eine Kakaospore gesehen?“ fragte Manfred empört. Darauf kicherten sie erst recht.
Manfred seufzte. Aber alles in allem gefiel es ihm hier recht gut. Es duftete angenehm, das Aroma war belebend und die Mädchen, wenn sie erst einmal zu kichern aufgehört hatten waren sehr nett. Sie umsorgten ihn und er verlebte eine sehr angenehme Zeit bei ihnen. Doch je länger diese Zeit wurde umso langweiliger wurde ihm. Alles was so angenehm war erfüllte doch nicht seine Wünsche. Er ertappte sich dabei wie er insgeheim von einem schönen jungen Kakaoblatt im zartesten Grün träumte. Er verschwieg seine Gedanken. Schließlich lebte er nicht schlecht. Doch die Träume kehrten Nacht für Nacht wieder und er konnte die ganzen angenehmen Dinge des Tages darüber gar nicht mehr genießen.
Als sie ihn fragten warum er so traurig sei, fing er an zu erzählen. Er erzählte von dem saftigen Grün, von den weiten Leitbündeln und den Spaltöffnungen mit dem schönen Ausblick. Als er bei dem herrlichen Licht angekommen war, welches immer durch die Decke fiel, seufzte er. Sie kicherten nur. Beleidigt zog Manfred sich zurück. Er wollte allein sein und nachdenken. Das machte er immer am Besten allein.
Nach einer Weile verrauchte sein Zorn. Sie konnten es nicht wissen was es bedeutet in einem Blatt zu wohnen. Sie verbrachten ihr Leben auf einer Blüte. Der Kulturunterschied (er hatte dieses Wort mal irgendwo aufgeschnappt und war sehr stolz es einmal anwenden zu können) war einfach zu groß. Wenn er es genau betrachtete wurde es vielleicht Zeit weiter zu ziehen. Er war schon lange hier, hatte aber keinen Gedanken daran verschwendet sich niederzulassen, während sich die Sporenmädchen immer weiter ausgebreitet hatten. Bald würde kein Platz mehr auf der Blüte sein. Und überhaupt; die Blüte fing an, an ihren Rändern zu erbräunen. Vielleicht sollte er weiterziehen?
So wartete er 3 Tage bis sein Freund, der leise Wind früh morgens von unten nach oben zog. Er flüsterte ein leises Lebewohl zu den Sporenmädchen, die noch immer schliefen und sprang zum zweiten Mal in seinem Leben ins Ungewisse.
Der Wind trug ihn diesmal ganz nach oben und die Welt unter ihm wurde immer kleiner. Wenn er genau hinsah, drehte sie sich grün um ihn und da erkannte er auch das saftige Grün aus seinen Träumen. Nicht weit von seiner Kaffeeblüte standen kräftige Kakaobäume mit jungen Trieben. Und in ihnen tobte das Leben, so stellte er sich vor. Da wurde er wieder traurig und das Heimweh packte ihn. Also ruderte er kräftig mit den kleinen Sporenärmchen und versuchte in die Richtung zu driften. Dreimal verfehlte er einen Baum und er befürchtete schon wieder auf dem Boden zu landen. Doch der Wind hatte Mitleid mit Manfred und wirbelte ihn wieder nach oben.
Fast hätte er diesmal ein sehr junges Bäumchen wieder verfehlt. Aber er erwischte gerade noch so den Blattrand und hielt sich mit einem Arm fest. „Nein, ich gebe nicht auf.“ dachte Manfred und kämpfte, denn sein Arm wurde langsam schwer. Er zappelte und strampelte mit den kurzen Beinchen und nach einer halben Ewigkeit bekam er mit der zweiten Hand eine Blattrippe zu fassen. Jetzt hatte er es fast geschafft. Wie ein Walross robbte er den Blattrand hinauf und blieb schwer schnaufend liegen.
Als er wieder zu Atem gekommen war sah er sich um. Noch war er allein auf diesem jungen Blatt. Aber wie lange würde das noch so bleiben? Mühsam versuchte Manfred ins innere des Blattes zu kommen. Er wartete bis in die Nach und als sich die Spaltöffnungen öffneten versuchte er sich hindurchzuquetschen. Da geschah es! Er steckte fest. Niemand hatte ihm bisher gesagt wie er in ein neues Blatt hineinkommen würde. Also hatte er es einfach versucht. Aber das Loch war zu eng. Da würde er nie im Leben durchpassen. So sehr er auch versuchte sich hinein oder wieder hinauszuzwängen, die Öffnung wurde immer enger. Er war gefangen. Die Sonne des nächsten Tages wurde nahezu unerträglich. Heiß brannte die Sonne und Manfred war sich sicher er würde in seinem Gefängnis sterben. Als wäre das noch nicht schlimm genug trafen andere Sporen auf seinem Blatt ein. Teilweise Bekannte und teilweise unangenehme Raubeine. Diese fingen auch gleich an sich über ihn lustig zu machen. Als er sich darüber beschwerte fingen sie an den wehrlosen Manfred zu zwicken. Insgesamt benahmen sie sich wie Menschen. Sie ließen ihren Müll einfach dort fallen wo sie standen und ihr Lebensraum interessierte sie nicht die Bohne. „Schließlich kann man ohne Probleme zum nächsten Blatt wandern sagten sie. Und Blätter waren immer da und werden immer da sein.“ sagten sie.
Sie hatten sich mittlerweile richtig auf dem Blatt breit gemacht und Manfred war sich nicht mehr ganz sicher ob er mit dieser Nachbarschaft im inneren des Blattes leben wollte. Aber er war ja gefangen und kam nicht weg. „Das wird toll!“ sagten die Rabaukensporen. „Da machen wir die ganze Zeit Party bis die Früchte schwarz werden. Es kümmert uns doch einen Scheiß was die Anderen dann machen. Hey du bist nur einmal jung.“
Manfred dachte die Nacht lange darüber nach. Als die Rabaukensporen schon satt von all dem Feiern eingeschlafen waren. Er mochte den Kakaobaum und er mochte seine Früchte. Er wollte nicht, dass sie schwarz werden. Gelb sollten sie sein, gelb und prall. Die Blätter saftig grün, so träumte er. Und wie er so träumte, bemerkte er gar nicht, wie ein Regen einsetzte. Erst tröpfelte es nur, doch dann wurde der Regen immer stärker. Erst ärgerte Manfred sich, dass er hier im Regen feststeckte, doch dann merkte er wie die Spaltöffnung weiter wurde. Er schöpfte schlagartig Hoffnung und begann sich weiter hineinzuzwängen. Doch es half noch immer nichts. Und der Regen wurde stärker und stärker. Er fing an Manfred weh zu tun. Er glaubte nicht, dass er, wäre er nicht hier eingezwängt aufrecht stehen könnte, so sehr drückte es ihn zu Boden. Und als er schon dachte er würde es gar nicht mehr aushalten und ertrinken oder von Regen erschlage sterben, machte es Flupp.

Als er am nächsten Morgen aufwachte, sah er alles um sich herum in einem saftig leuchtenden Grün. Er sah Blattwände und die schönsten Leitbahnen die er je gesehen hatte. Es war wie in einem Traum. Er zwickte sich extra in den Bauch um festzustellen ob es einer war. Doch es war Wirklichkeit. Und wie er sich so in seiner neuen Umgebung umsah, stellte er fest, dass er auch schon ein klein wenig gewachsen war. Er war zu Hause angekommen. Er lachte vor Glück und wie er nahe zur Blattwand wanderte winkte er den Rabaukensporen, die den Regen verschlafen hatte. Er selber war nicht unglücklich darüber und er mache sich sogleich daran einen schönen Platz für seine neue Wohnung zu suchen. Und wenn das Blatt nicht abgefallen ist, so wohnt er immer noch dort.